29. Juni 2022

Sind Lügen die neue Normalität?

Zugegeben, ich habe mich schon fast daran gewöhnt. Die meisten Nachrichtensender berichten nicht erst seit dem Ukraine Krieg von dreisten Lügen, die mich früher noch viel heftiger aufgeregt hätten: Bush und der Irak Krieg, Trump und seine Republikaner, Johnson und der Brexit, Johnson und die „Partygate“, Querdenker und Verschwörungstheoretiker, neuerdings die Propaganda vor allem aus Moskau. Die Liste ließe sich fortsetzen. Etwas verniedlichend werden solche Lügengebäude auch „Narrative“ genannt, kreativ zusammengebaute Erzählungen. Wären die Hintergründe nicht so übel, könnte man an Pippi Langstrumpf denken und an ihren Vers: „Ich mach' mir die Welt widdewidde wie sie mir gefällt!“ Realität scheint in Teilen beliebig zu werden – eine Entwicklung mit unschönen Folgen.

Strategisch platzierte Lügen und gezielte Emotio­­nali­sie­rungen

Lügen werden absichtsvoll in die Welt gesetzt, mit mehr oder weniger klaren Zielen. Strategisch hilft es, wenn sie kräftige Emotionen auslösen, denn das verschafft Aufmerksamkeit und erschwert kritisches Denken. Die Medien und hier besonders die Boulevard Presse kennen das in ihrem Kampf um Marktanteile via Aufmerksamkeitserzeugung. Natürlich sollen die Emotionen in die richtige Richtung gehen und die Lüge sich möglichst weit verbreiten: „Hast Du schon gehört … ?“

Emotionen scheinen in unserer Welt überhaupt immer wichtiger zu werden. Ein gutes Beispiel ist die Werbung. Wer sich Werbespots von vor wenigen Jahrzehnten ansieht, erkennt, wieviel nüchterner (vielleicht auch langweiliger) sie damals gewesen sind. Ein anderes Beispiel sind Wahlkämpfe, die sich offenbar an Werbestrategien orientieren. Man bekommt den Eindruck, dass nicht vor allem Konzepte und Argumente im Wettbewerb stehen, sondern Bilder und Marketingkonzepte. Man will unterhalten, gefallen und darüber verkaufen. Dabei stört es natürlich, Unangenehmes zu verkünden, höchstens in Bezug auf den Meinungsgegner. Und auch Fakten können äußerst hinderlich sein. Auf der Strecke bleiben dann Werte wie logische Rationalität und Wahrhaftigkeit.

Damit will ich nicht sagen, dass emotionsgeladene Werbung oder Wahlkämpfe per se voller Lügen sind, auch wenn es dafür einige Beispiele gibt. Jedoch soll die starke Emotionalisierung sicherlich mit dafür sorgen, dass hingeschaut wird, nur bitte nicht allzu kritisch.

Ich bin aufgewachsen in den fünfziger und sechziger Jahren und erinnere mich, dass starke Emotionen anders als heute eher suspekt waren, man schaue und höre sich nur Nachrichtensendungen oder Sportreportagen aus jener Zeit an. An dem Gesamtbild, dass es deutlich nüchterner zuging, ändern meiner Meinung nach auch manche berühmten Bundes­tags­debatten (z.B. Wehner versus Strauß) oder rührselige Filme und Schnulzen aus jener Zeit nichts. Vielleicht spielte die noch nicht so lange zurückliegende Zeit des Nationalsozialismus mit ihren unzähligen verlogenen und emotionsgeladenen Reden und Reportagen eine Rolle.

Lügen und die oft damit einhergehende Emotionalisierung fallen in der heutigen Zeit aus mehreren Gründen auf fruchtbaren Boden. Komplexität und Krisenhaftigkeit in der Welt sind stark gestiegen, der Durchblick geht verloren und damit wachsen Ängste und Verunsicherung. Wir sehnen uns nach Einfachheit und Eindeutigkeit. Nachdenken ist bei unklarer, teils widersprüchlicher und manipulierter Faktenlage schwierig und anstrengend. In dieser Situation verlassen sich viele Menschen lieber auf ihr Bauchgefühl. Es gibt umgehend Antworten, strengt nicht an und ist bequem. Einfache Parolen und schamlose Skandalisierungen sind bewährte Mittel, um Menschen mit entsprechenden Haltungen emotional abzuholen.

Natürlich ist das Bauchgefühl (bzw. die Intuition) keineswegs dumm und chronisch irreführend. Es handelt sich um eine unbewusste Antwort unseres Gehirns auf eine schwer  fassbare Situation, hergeleitet aus unserer persönlichen Lebenserfahrung. Diese Operation ist eine beeindruckende Leistung unseres Gehirns, aber trotzdem oft fehlerhaft. Insbesondere dann, wenn die Situation, vor der wir stehen, völlig neu ist, kann uns das Bauchgefühl in die Irre führen. Außerdem ist es meist schwierig, das intuitive Bauchgefühl sauber zu identifizieren, denn Gefühle erleben wir gewöhnlich gemischt, zusammengesetzt aus persönlichen Ahnungen, Ängsten und Sehnsüchten. Eine Maxime könnte deshalb lauten, „nimm dein Bauchgefühl ernst, aber überprüfe die gespürten Empfehlungen mit deinem rationalen Verstand“. Klar, die eine, unumstößliche Wahrheit in komplexen sozialen Situationen gibt es nicht, es gibt lediglich Perspektiven und Fakten. Aber auf diese kommt es an!

Die Folgen

Wahrhaftigkeit war in meiner Kind- und Jugendzeit ein wichtiger Wert. Heute habe ich den Eindruck, dass die Lüge salonfähig geworden ist. Auch wenn manche Verbreiter erfundener Geschichten selbst daran glauben mögen, in vielen Fällen werden Lügen ganz bewusst zur Wahrung persönlicher Interessen eingesetzt. Lügen auf der großen Bühne (siehe oben) färben ab auf die kleineren Bühnen. An prominenten Vorbildern mangelt es nicht. So sind die sozialen Netzwerke voll von Behauptungen, Unterstellungen und Verleumdungen. Ich befürchte, dass auch in den normalen Alltagsbegegnungen die Hemmschwelle gegenüber Lügengeschichten allgemein sinkt. Wenn „Wahrheit“ aber beliebig wird, entstehen Probleme auf unterschiedlichen Ebenen:

  1. Problemlösungen

Um komplexere Probleme sachrational lösen zu können, ist es notwendig, zunächst ein halbwegs zutreffendes Bild von der aktuellen Situation mit ihren jeweils relevanten Teilaspekten zu gewinnen. Dies ist schon für jemanden alleine nicht trivial, noch viel weniger ist es das in Gruppen oder gar in der Gesellschaft. Weiterhin braucht es eine ungefähre Zukunftsprognose, eine Beschreibung der angestrebten zukünftigen Situation, Vorstellungen zu den wahrscheinlichen Problemursachen sowie den grundsätzlich infrage kommenden Maßnahmen usw. Das sind viele Voraussetzungen, deren Fehlen zu einem fatalen Blindflug führen kann. Ein Beispiel dafür ist der Klimawandel mit seinen vielfältigen und womöglich katastrophalen Folgen.

  1. Zusammenhalt in der Gesellschaft

Wenn es in der Gesellschaft in wichtigen Bereichen mehrere „Wahrheiten“ gibt, die sich sehr stark voneinander unterscheiden und sich eventuell sogar bekriegen, entstehen viele kleine Inseln von „Gläubigen“. Dadurch wird ein gemeinsames Realitätsverständnis unmöglich, die Konflikte nehmen zu und Kompromisse fallen schwer. Das Management gesellschaftlicher Themen kommt rasch an seine Grenzen. Unter Umständen läuft gar nichts mehr, die gesellschaftlichen Teile blockieren sich gegenseitig und das Land verharrt in der Paralyse.

  1. Persönliche Beziehungen

Das Nicht–Zusammenkommen in wichtigen Fragen kann dazu führen, dass ganze Familien, Freundes- und Kollegenkreise gesprengt werden. Gesellschaftliche Auseinandersetzungen gehen nicht selten auf zuvor verbogene und verdrehte Fakten oder auch auf glatte Lügen zurück, die mit partiellen Interessen verbunden sind. Die Brexit Kampagne, das Thema Klimawandel, die bestrittene Gefährlichkeit des Rauchens, die Ursachen für Migration - es ließen sich viele Beispiele anführen.

Wenn öffentlich schamlos gelogen wird, liegt es nahe, dass sich dies in privaten Beziehungen fortsetzt. Dort aber wirken Lügen ganz besonders toxisch. Sie können Vertrauen zerstören, ohne das keine Gemeinschaft dauerhaft existieren kann. Vertrauen ist der unsichtbare Klebstoff in Familien, Freundes- und Bekannten­kreisen und auch in Organisationen. Zwänge, Repressionen und auch Regeln können Vertrauen zumindest langfristig nicht ersetzen.

Was tun?

Der erste Schritt könnte auf einen selbst gerichtet sein, indem man selbstkritisch die eigenen Positionen überprüft. Im Allgemeinen ist es sehr angenehm und bequem, sich unter Gleichgesinnten zu bewegen und die dort vorgetragenen Meinungen gläubig zu unterstützen. Zivilcourage zeigen und sich auch nur ein wenig zu distanzieren kann jedoch teuer werden. Es drohen wütende Anfeindungen und eventuell der Rauswurf aus der Gruppe. Dennoch kann es sich lohnen. Der Horizont würde sich weiten, man könnte stärker differenzieren, und nicht zuletzt könnte man das gute Gefühl bewiesener Eigenständigkeit genießen.

Bei der Begegnung mit Meinungsgegnern empfiehlt es sich, nicht arrogant aufzutreten, sondern von der Grundannahme auszugehen, dass diese Gründe haben, vielleicht sogar gute Gründe, die ich noch nicht kenne und die zumindest ein wenig „Wahrheit“ enthalten könnten. Im Gespräch sollte der Fokus auf den Fakten liegen: Welche Fakten (bzw. was der andere dafür hält) werden vorgetragen? Und wie lassen sie sich überprüfen? Obwohl es Suchmaschinen wie z.B. Google gibt, ist das oft schwer. Außerdem werden die technischen Möglichkeiten, Texte, Bilder oder Videos zu fälschen, immer raffinierter. Oft müssen deshalb ein Plausibilitätscheck und der gesunde Menschenverstand ausreichen. Meistens genügt das auch. Wenn einem das Gehörte nicht ausreicht, ist es wichtig, eine klare Gegenposition zu beziehen. Und wenn die Lüge offensichtlich wird, sollten Lügen ohne Umschweife als Lügen bezeichnet werden.

Auf der privaten Ebene ist der Umgang mit Unwahrheiten eine noch sensiblere Angelegenheit. Wer sicher ist, belogen worden zu sein, dem rate ich, zunächst die Frage nach den Motiven zu stellen. Manchmal beruhigt sich danach die Situation von alleine. Ansonsten sollte man nicht so tun, als mache es einem nichts aus, wenn es etwas ausmacht. Verletzungen sollte man zeigen, wenn man nicht von oben herab argumentieren will. Moralisch zu werden sollte man aus demselben Grund sein lassen. Stattdessen können klare Vereinbarungen helfen, verlorenes Vertrauen mit der Zeit wieder auf zu bauen. Es kann wachsen, wenn die Erfahrung ein verlässliches Einhalten der Regeln zeigt.

Im Übrigen ist nicht jede Lüge per se zu verurteilen, sie kann im Gegenteil unter bestimmten Umständen sinnvoll sein. Entscheidend ist die Motivation, die aus dem Ergebnis eines Abwägungsprozesses resultiert: Wie groß ist der mögliche Schaden, wenn ich jetzt die Wahrheit sage? Und wie groß ist der potentielle oder zukünftige Schaden, wenn ich es nicht tue? Verschiebe ich mit einer Lüge vielleicht nur das Problem, welches über kurz oder lang zurückkehren wird, vielleicht sogar noch stärker als heute? Welche Folgen könnte das Aussprechen der Wahrheit jetzt bei meinem Gegenüber haben? Wut? Kränkung? Beunruhigung? Bestürzung? Ängste? Muss mein Gegenüber überhaupt geschont werden? Will er geschont werden? Oder will ich vor allem mich selbst schonen? Welche Verantwortung bin ich bereit zu übernehmen?

Solche rationalen Abwägungsprozesse finden selten in expliziter Form statt. Man muss sich oft schnell entscheiden und folgt seinem Gefühl. Gefühle sind aber oft nicht eindeutig und stehen im Zusammenhang mit Bedürfnissen, Ängsten, Einstellungen und Werten. Die Gefahr ist groß, dass man die Situation innerlich zu seinen Gunsten schön redet und perfekte Ausreden kreiert. Auf diese Weise kann jemand zu einem chronischen Lügner werden und sich dabei auch noch für einen reflektierten und verantwortungsvollen Zeitgenossen halten.

Schlussfolgerungen

Sind Lügen nun die neue Normalität? Es sieht so aus, als ob sich neben dem Klimawandel in der Natur in weiten Teilen der Gesellschaft auch ein sozialer Klimawandel abspielt: Der Umgangston ist vielerorts rauer und die gegenseitige Rücksichtnahme geringer geworden. Offensichtlich ist auch die Hemmschwelle gegenüber der Verbreitung von Lügengeschichten niedriger geworden. Für unsere Gesellschaft sind das schlechte Nachrichten. Der verbreitete Mangel an Empathie und logischer Rationalität sowie die zunehmende Gewöhnung an Fake News lassen mich häufiger an das lesenswerte Buch von Christopher Clark denken: „Die Schlafwandler: Wie Europa in den 1. Weltkrieg zog“.

Wie könnte angesichts dessen eine Verhaltensmaxime lauten? Meine Antwort lautet „Einmischen“, allerdings mit einiger Bescheidenheit, ohne sich selbst dabei moralisch zu überhöhen. Natürlich geht das nicht immer und überall, sondern nur selektiv, und zwar dort, wo es sich zu lohnen scheint. Dort, wo es sich lohnen könnte, bedeutet es, den Diskurs zu suchen, Verständnisbereitschaft zu signalisieren, aber auf Fakten zu bestehen und gegebenenfalls klare Kante zu zeigen. Für den gewöhnlichen Alltag empfiehlt sich eine Mischung aus gesunder Skepsis gegenüber den verbreiteten Erzählungen und darüber hinaus ein möglichst hohes Maß an Gelassenheit. Um eine Frankfurter Legende, den früheren Fußballtrainer „Steppi“ Stepanovic zu zitieren: Egal wie es kommt, „Lebbe geht weiter“. Leider ist dies mittlerweile auch nur noch eine Behauptung und keine Selbstverständlichkeit mehr. Ich entscheide mich an dieser Stelle, mir zuliebe optimistisch zu bleiben.

Über den Autor

Wolfgang Reiber liebt es, die Dinge ganzheitlich zu betrachten, etwa das Zusammenspiel zwischen wirtschaftlichen, psychologischen und politischen Aspekten in Organisationen und Gesellschaft. Gemeinsam darüber nachzudenken, was ist, was sein sollte und wie es gehen könnte, mit Respekt und mit einer Prise Humor, das schätzen er und seine Kunden ganz besonders.


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Pia Gaspard - Partner, Metrion Management Consulting