07. September 2020

Meinungsinseln, Verschwörungstheorien und die Mühe, miteinander ins Gespräch zu kommen

Ist Bill Gates ein Schurke? Steckt hinter den Maßnahmen zur Eindämmung des Corona Virus in Wirklichkeit die Absicht, unsere Freiheiten dauerhaft abzuschaffen? Bereitet die internationale Elite eine diktatorische Weltherrschaft vor? Geht es bei der Migrationspolitik nicht eigentlich um eine bewusst geplante Umvolkung? Krude Verschwörungstheorien haben weltweit Konjunktur. Sie haben das Potenzial, massive Konflikte in Familien, Freundeskreise, Belegschaften oder andere Gemeinschaften hineinzutragen und sie in Lager zu spalten. Wo aber kommen diese merkwürdigen Vorstellungen her? Wie sollten wir mit ihnen umgehen? Und kann man mit Vertretern solcher extremer Meinungen überhaupt reden? Wie könnte es gegebenenfalls gehen? Die nachfolgenden Überlegungen sind der Versuch, auf diese Fragen wenigstens einige plausible Antworten zu finden.

Wie kommt es zu isolierten Meinungsinseln?

Eine komplexer werdende Welt produziert immer mehr Informationen. Gleichzeitig ist durch das Internet und die sozialen Netzwerke die Zahl der Informationsquellen – traditionelle wie neue, seriöse wie unseriöse – sehr stark angestiegen. Einen Überblick zu behalten ist praktisch unmöglich, zumal immer wieder Desinformationen strategisch eingestreut werden. Im Alltag wählt man deshalb nur einen Teil der möglichen Informationsquellen aus, und zwar diejenigen, die einem relevant und glaubwürdig erscheinen und normalerweise auch zum eigenen Weltbild passen. Um die ausgesuchten Medien herum bilden sich Meinungsinseln, die oft mehr oder weniger zur virtuellen Heimat spezifischer Communities werden.

Eine Vielzahl unterschiedlicher Informationsquellen kann von Vorteil sein, denn eine stark vergrößerte Bandweite kann zumindest potentiell die komplexe Außenwelt adäquater abbilden. Außerdem wächst das kreative Potenzial. Positive Effekte setzen allerdings voraus, dass Meinungsinseln offen sind für einen freien Austausch mit anderen Meinungsinseln, und dass sich eine nicht zu geringe Zahl von Menschen einen Umzug von einer zu einer anderen Insel grundsätzlich vorstellen kann. Leider ist dies in vielen Fällen nicht so. Insbesondere solche Meinungsinseln, die von Vertretern krass populistischer Meinungen und von Ver­schwör­ungs­phantasten bewohnt werden, schotten sich gerne ab und verteidigen engagiert ihre Außengrenzen. Ihre Bewohner sind häufig mit geradezu religiösem Eifer unterwegs, versuchen zu missionieren, bilden stereotype Feindbilder und pflegen großes Misstrauen gegenüber bestimmten gesellschaftlichen Gruppen. Durch die Fiktion eines bösen Außenfeindes stärken sie u.a. ihren inneren Zusammenhalt.

Menschen, die andernorts nur als eine kleine und radikale Minderheit belächelt werden, erleben in einer Community von Gleichgesinnten wichtige Vorteile, z.B.

  • erleben sie Bestätigung, Gemeinsamkeit und Sicherheit durch eine breite Übereinstimmung in der Wahrnehmung und Bewertung der Außenwelt.
  • Sie finden einen Ort, wo sie ihre Ängste reduzieren und ihre diffuse Wut abladen können.
  • Verschwörungstheoretiker sonnen sich darüber hinaus in der narzisstischen Vorstellung, über exklusives Wissen zu verfügen und deshalb etwas Besonderes zu sein.

Je stärker sich die Mitglieder solcher Communities mit ihren eigenartigen Glaubensvorstellungen identifizieren und je dog­matischer sie diese vor sich hertragen, desto schwieriger wird es, mit ihnen in einen wenigstens partiell ergebnisoffenen Dialog einzutreten. Hinzu kommt, dass heftiger Widerspruch für sie oft ein klarer Hinweis darauf ist, dass es sich bei ihrem Gegenüber um einen Agenten der Gegenseite handelt. Ihre Meinungen und Sichtweisen werden dadurch nur noch fester.

Der Versuch eines Dialogs macht Sinn

Wichtig ist der Versuch eines Dialogs trotzdem, denn verbarrikadierte und emotional stark aufgeladene Meinungsinseln führen im Kleinen (z.B. Betrieben) wie im Großen (unsere Gesellschaft) zu einem unversöhnlichen Gegeneinander, so dass ein Konsens oder auch ein guter Kompromiss nicht mehr möglich wird. Die Erfahrung zeigt, dass, wenn ein Gespräch erst einmal in die Gänge kommt, die Chance auf eine Verständigung wenigstens in Teilbereichen vorhanden ist. Dies gelingt natürlich nicht immer. Und für diejenigen, die gezielt Desinformationen verbreiten, die drohen, übel beleidigen oder gewalttätig werden, sind Polizei und Gerichte zuständig.

Wenn es in der Auseinandersetzung um zentrale Werte und feste Überzeugungen von uns selber geht, ist es mitunter schwer, nicht zum Gegeneiferer zu werden und im Zuge einer eskalierenden Rhetorik selbst radikale Gegenpositionen einzunehmen. Aber auch das Gegenteil führt nicht weiter, nämlich im Sinne der Political Correctness seine Ansichten extrem vorsichtig und hypersensibel zu formulieren. Die eigene Position würde das nur verunklaren und vor allem käme sie kraftlos daher. Es gilt stattdessen, bei sich selber und innerlich ruhig zu bleiben und sich nicht provozieren zu lassen. Gelassenheit, Zuhörbereitschaft und Entschiedenheit in der Sache sind wichtige Erfolgsfaktoren. Ruhig zu bleiben fällt leichter, wenn man sich klarmacht, dass bewusstes Lügen mit böser Absicht auch bei Verschwörungstheoretikern selten ist. In ihrer subjektiven Welt erscheinen ihnen ihre Gedanken klar, logisch und richtig. Auch krude Vorstellungen sind oft das Ergebnis spezifischer Erfahrungen und Bedürfnisse. Gelegentlich stecken sogar berechtigte Sorgen dahinter und eine im Kern gute Absicht. Auch deshalb empfiehlt es sich, zwischen Position und Person zu unterscheiden. Eine Maxime könnte lauten: Jedes Bedürfnis ist OK und legitim, aber nicht jedes darauf basierende Sprechen und Handeln sind akzeptabel.

Vertreter ausgeprägt populistischer Meinungen und Ver­schwör­ungs­phantasten treten oft aggressiv auf oder sie entziehen sich der Diskussion nach dem Motto: „Bitte irritiere nicht mein Weltbild!“ Wenn es dennoch gelingt, ein Gespräch zu beginnen, sollte man sich darüber im Klaren sein, was man eigentlich erreichen möchte. Will ich lediglich sagen, dass ich die Position meines Gegenübers dämlich und indiskutabel finde? Will ich mich einfach nur deutlich abgrenzen? Oder will ich tatsächlich versuchen, die andere Position mit ihren Hintergründen bestmöglich zu verstehen, um sie im weiteren Gesprächsverlauf gegebenenfalls zu verändern?

Wie kann der Dialog gelingen?

Wenn ich letzteres als Ziel habe, ist es wichtig, freundlich zu sein, ehrliches Interesse zu zeigen und gut zuzuhören. Um den anderen argumentativ erreichen zu können, ist ein Minimum an Vertrauen notwendig, was u.a. einen Kontakt auf Augenhöhe voraussetzt. Belehrungen sind kontraproduktiv, einfache Sätze und Trennschärfe in der eigenen Argumentation dagegen notwendig. Logische Zusammenhänge und vor allem valide Fakten, die nicht ernsthaft bestritten werden können, überzeugen am ehesten – zusammen mit dem eigenen Auftreten, das möglichst zugewandt und authentisch sein sollte, ohne dabei an Klarheit in Bezug auf die eigene Position zu verlieren. Umgekehrt gilt es, die Gegenposition nach ihrer Plausibilität und ihren faktischen Grundlagen abzuklopfen. Wenn der andere spricht, ist es für die Ver­trauens­bildung günstig, ihm mit Gestik oder Mimik Verstehen zu signalisieren. Es zeigt, dass ich mich bemühe, im Kontakt zu bleiben. Und natürlich: Wo er Recht hat, hat er Recht. Hilfreich kann es sein, inhaltlich Verstandenes mit eigenen Worten zusammenzufassen (paraphrasieren) und auch gespürte Emotionen zurückzumelden (verbalisieren). Ich prüfe damit, ob ich mein Gegenüber richtig verstanden habe und beweise, zugehört zu haben. Nicht zuletzt gebe ich meinem Gegenüber die Gelegenheit, zu überprüfen, ob er das, was er gesagt und gezeigt hat, wirklich so meint. Bewertungen des anderen kann ich aufgreifen und nach ihren Hintergründen fragen: Was genau hat er gesehen und gehört, welche Zusammenhänge hat er hergestellt und in welche Kontexte hat er sie eingeordnet? Um mein Gegenüber zu verstehen, muss ich Fragen stellen, aber anders, als es ein Staatsanwalt im Fernsehen tut. Suggestivfragen sind falsch am Platz, und auch bei rhetorischen Fragen ist Vorsicht geboten. Offene und einfache Fragen bringen weiter, wenn sie wirklich als Fragen gemeint sind und nicht offensichtlich eine versteckte Botschaft transportieren. Bohrendes Nachfragen sollte man sein lassen. Wichtig ist es auf alle Fälle, rhetorische Spielchen zu vermeiden. Wenn mein Gegenüber das Gefühl bekommt, vorgeführt zu werden, wird ein echter Austausch nicht mehr möglich sein.

Wenn der Dialog misslingt  

Wenn der andere das Gespräch aus welchen Gründen auch immer abbricht oder sich trotz aller Bemühungen weigert, in ein ernsthaftes Gespräch überhaupt einzusteigen, sollte man dies letztlich akzeptieren. Vielleicht ergibt sich später eine neue und erfolgversprechendere Gelegenheit. Zumindest dann, wenn hierzu Hoffnung besteht, empfiehlt es sich, auch am Ende freundlich und zugewandt zu bleiben und eine persönliche Attacke zu vermeiden. Freundlichkeit schließt nicht aus, sich weiterhin in der Sache klar abzugrenzen und explizit die eigene Position zu betonen.

Die Anhänger von Verschwörungsphantasien und anderen sehr populistischen Meinungen sind eine kleine Minderheit, aber laut, verführerisch und überwiegend destruktiv. Ihr negatives Potenzial haben sie vielerorts gezeigt. Einige von ihnen wird man mit Engagement und Geschick erreichen können. Es würde sich lohnen, denn der mögliche Zuwachs an Vernunft wäre für jede Gemeinschaft ein Gewinn.

Übrigens: Den Umgang mit Stammtischparolen und aggressiven, irrationalen Ausbrüchen kann man üben. Metrion bietet dafür Seminare an, für Profit wie für Non-Profit Organisationen.

 

Über den Autor

Wolfgang Reiber liebt es, die Dinge ganzheitlich zu betrachten, etwa das Zusammenspiel zwischen wirtschaftlichen, psychologischen und politischen Aspekten in Organisationen und Gesellschaft. Gemeinsam darüber nachzudenken, was ist, was sein sollte und wie es gehen könnte, mit Respekt und mit einer Prise Humor, das schätzen er und seine Kunden ganz besonders.


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Kontakt suchen heißt nicht den anderen zu mögen. Kontakt suchen heißt zu versuchen, ihn zu verstehen.

Pia Gaspard - Partner, Metrion Management Consulting