15. Juni 2015

Heldenhafte Fragen für Transformationen – Warum Helden-Geschichten uns faszinieren und stärken.

In Transformationsprozessen, Übergängen und schwierigen Phasen sind immer mehr Fragen offen als es Antworten gibt. Das war schon immer und zu allen Zeiten so. Auch deshalb erzählen sich Menschen Geschichten. Wir lieben Geschichten - egal in welchem Alter, weil sie uns ermöglichen, uns selbst oder Teile von uns darin zu entdecken. Wir identifizieren uns, wir spiegeln uns, wir reiben uns. Manchmal lassen wir die Helden aus den Geschichten ersatzweise für uns voran schreiten. Helden sind Stellvertreter, Avatare unserer selbst. Wir wollen sehen, wie sie mit sich ringen, wie sie mit anderen kämpfen, wie sie gewinnen und manchmal auch scheitern, um dann gestärkt daraus hervor zu gehen. Der Mythenforscher Joseph Campbell hat unzählige „alte Geschichten“, unsere Mythen und die von vielen anderen Kulturen analysiert. Dabei hat er etwas Faszinierendes herausgefunden: all diese Mythen haben eine ähnliche Struktur. Sie lassen sich grob in drei Phasen aufteilen: 

1. Der Aufbruch zur Reise verbunden mit einem „Ruf“, heute würde man sagen, einem Unstimmigkeitsgefühl, dem Wunsch, etwas zu verändern oder der Notwendigkeit, zukunftsfähig zu bleiben.

2. Das Land der Abenteuer, in dem der Held mit seinem Dämon, dem Stellvertreter für innere Ängste und Widerstände, kämpft. Der Held wird auf die Probe gestellt und findet sein Elixier, das beispielsweise Antworten auf Lebensfragen oder die Belohnung für eine erfolgreiche Bewährungsprobe darstellt.

3. Die Rückkehr, durch die er vitalisiert und mit neuen Erfahrungen wieder in seine Lebenswirklichkeit geht und die Herausforderung hat, das Neue nachhaltig zu integrieren.

Unzählige Geschichten aus verschiedensten Kulturen und auch aus Hollywood sind nach diesem Prinzip aufgebaut. Von griechischen Göttermythen bis hin zu digitalen Rollenspielen: zu allen Zeiten waren und sind Menschen von Heldengeschichten mitgerissen.

Dass diese Geschichten uns auch heute in unserem (Führungs-)Alltag inspirieren können, zeigt der Film The Kings Speech auf sehr authentische Art und Weise: Der britische Königssohn, der später als Georg VI den Thron besteigt, stottert. Er hat Angst zu reden und bekommt vor dem Publikum in einem Stadion kaum einen Ton heraus. Peinlich berührt hören die einen weg und die anderen bieten ihm jede Menge unsinnige „Hokuspokus-Hilfe“ an. Er ist verzweifelt - er zweifelt an sich. Alte Kindheitserinnerungen plagen ihn, aber diese Dämonen sind ihm zu groß, da will er nicht hinschauen. Seine Frau findet einen Sprechtherapeuten für ihn, der behutsam und mit allen möglichen Höhen und Tiefen schließlich sein Herz öffnet. Er steht ihm bei in der Konfrontation mit seinen inneren Widerständen und tatsächlich lassen erste kleine Veränderungen einen Erfolg erahnen. Die Beziehung zwischen Georg VI und seinem Trainer wird mehrfach auf die Probe gestellt, in der Heldenreise würde man sagen, sie muss viele Prüfungen durchstehen. Die so genannte „höchste Prüfung“ jedoch findet im Inneren statt. In der Überwindung der Ängste, dem Mut, sich hinaus zu wagen, dem unerbittlichen Kampf mit den eigenen Selbstwert-Dämonen. Georgs Beharrlichkeit und letztlich auch die Liebe seiner Frau, die an ihn glaubt sowie die Unterstützung des Sprechtherapeuten, der längst zu einem Freund geworden ist, lassen ihn am Ende glänzen: er hält fließend und souverän seine legendäre Radioansprache, in der er den Menschen des British Empire die Notwendigkeit des Kriegseintritts gegen Nazi-Deutschland nahe bringt. 

Sehr menschlich zeigt uns diese Story noch etwas Anderes: wir fürchten uns oft, aus unserem Schneckenhaus heraus zu kommen. Wir merken, dass wir etwas nicht können und schauen lieber weg als aktiv darauf zuzugehen und uns mutig unseren Schwächen zu stellen. In unserer leistungsorientierten Gesellschaft scheint das fehl am Platz zu sein. Also tun wir so, als existiere das Problem nicht und oft spielt unsere Umgebung sogar mit. Zunehmend aber wird dieses Schauspiel zur Camouflage und raubt allen Beteiligten Energie.

Wir alle brauchen ab und zu einen Vertrauten / Mentor / Partner / Coach, der uns hilft, solche Themen anzugehen. Denn letztlich findet nur da wirkliche Weiterentwicklung und Transformation statt, wo es etwas zu entwickeln gibt. Dann machen wir uns auf unsere kleine oder große Heldenreise - bewusst und mutig.

Entwickeln und transformieren

Transformation zieht uns an in diesen Geschichten. Wir können daraus schließen, dass der Mensch sich per se für Entwicklung und Veränderung begeistert. Er schaut Filme und liest Bücher, weil sie eine tiefe und archaische Sehnsucht in ihm ansprechen. Das, was uns fesselt, setzt eine besondere Energie frei.

Warum also nicht genau diese Energien nutzen und sie in Transformationen im Business-Alltag leiten? Das ist genau die Kraft, die uns vor lauter Veränderungs-Überdruss fehlt. Wir sind von zu vielen und zu lange andauernden Change-Prozessen müde geworden.

Unternehmen stehen vor der Herausforderung, Transformationen nicht nur zu bewältigen, sondern auch gestärkt daraus hervor zu gehen. Helden-Geschichten können uns gerade in diesem Kontext wertvolle Hinweise und Strategien zeigen, die Lust auf Veränderung machen. Sie laden uns ein, mit Kreativität und Lösungsorientierung loszugehen, die Transformations-Erfahrungen zu meistern und all das Gelernte in den neuen Alltag zu integrieren. Denn im Prinzip schreiben wir alle unsere eigenen Helden-Geschichten. Wobei einen modernen Helden nicht mehr das Heroisch-Einzelkämpferische auszeichnet, mit dem er übermenschlich oder mit Star-Allüren etwas vollbringt, was ihn von allen anderen abhebt. Einen modernen Helden macht vielmehr aus, heldenhafte Teams zusammenzustellen oder darin mitzuwirken, selbst mutig voranzuschreiten und sich mit Selbstbewusstsein zu erlauben, mehr Fragen als Antworten zu haben.

Als Unterstützung auf diesen Heldenwegen gibt es zahlreiche gute Zutaten wie beispielsweise heldenhaften Fragen. Hier ein kleiner Vorgeschmack:

5 Heldenhafte Fragen

Die Fragen können einfach zwischendurch für Lebendigkeit und Frische sorgen - oder sie werden im Rahmen eines wertschätzenden Interviews gezielt in einem Transformationsprozess eingesetzt.

1. Wozu begeben wir uns auf die Reise? (Nicht "wohin", denn das wissen wir oft nicht, bzw. es könnte sich im Prozess verändern.)

2. Was ist anders, wenn wir dieses Abenteuer geschafft haben? (Eine richtig schöne, systemische Frage.)

3. Wenn wir das Elixier schon jetzt hätten, was würden wir dann als erstes tun? (Der nächste kleine Schritt in der transformierten Welt wird sichtbar.)

4. Worauf sind wir stolz, was haben wir schon geschafft? (Das verbindet mit den Ressourcen und reichert sie mit Vertrauen aus vergangenen Erlebnissen an.)

5. Wenn wir wirklich Heldenkräfte hätten, was würden wir uns dann wünschen? (Träumen mobilisiert Zukunftsideen und Innovationskraft.)

Achtung: all diese Zutaten sind mit Vorsicht zu genießen: es wird davor gewarnt, dass sie tatsächlich Veränderungsprozesse in Bewegung bringen können. Weil das - und das schreibe ich jetzt mit einem Augenzwinkern - meist jedoch nicht erwünscht ist, wird vom Genuss in diesem Fall abgeraten. Sollten Sie jedoch auf den Geschmack kommen, können Sie sich nach dieser kleinen Vorspeise schon jetzt auf den nächsten Gang freuen - den Über-Gang ins Neue.

Über die Autorin


Marita Schermer hat einen leidenschaftlichen Blick für Potenziale und die darin enthaltenen Entwicklungsmöglichkeiten. Sie setzt agile Methoden ein und bringt Menschen auf ko-kreative Weise zusammen. Sie wirkt mit ihrer Art ermutigend, stiftet zu Sinn-Reflexionen an und legt Wert auf ein ganzheitliches Prozess-Design.

Individuelle Beratung unter +49 69 9399677-0 oder info@metrionconsulting.de

Auch wenn wir es uns manchmal wünschen, wir können den anderen nicht ändern, wir können nur uns selbst ändern.

Karin Pape - Partner, Metrion Management Consulting