15. Januar 2016

Der Weisheit letzter Schluss?

Fragt man Menschen, was sie mit Weisheit verbinden, erhält man meist eine lange Liste positiver Eigenschaften. So wird weisen Personen z.B. ein scharfer Verstand und großes Wissen zugesprochen, sie gelten als altruistisch und reflektiert. Weise Personen scheinen zu wissen, wo es langgeht und sie sind im besten Falle in der Lage „Wegweiser“ zu sein für die weniger weisen.

Weisheit – ein Definitionsversuch

Doch wie lässt sich Weisheit definieren? Im Kern geht es bei Weisheit um ein erfahrungsbasiertes Wissen darüber, was ein gutes und erfülltes Leben auszeichnet und wie man es lebt – eine umfassende Erkenntnis dessen, was gut und richtig ist. Dieses Begriffsverständnis steht in einer langen Tradition internationaler Meisterdenker, die an dieser Stelle natürlich nur angedeutet werden kann (für einen umfassenderen Überblick sei auf die Literatur weiter unten verwiesen). Ich greife hier einmal exemplarisch zwei besonders wegweisende Personen heraus, um anzudeuten, dass Weisheit zu verschiedenen Zeiten und in sehr verschiedenen Kulturen im oben genannten Sinne verstanden wurde: Zum einen antwortete schon Konfuzius, von einem Schüler nach dem Wesen der Weisheit befragt, dass Weisheit ein Wissen um den Menschen meine und darum wie man ihn zum sittlich Guten erziehe. Zum anderen verstand auch der Grieche Sokrates – schon zu Lebzeiten bekannt als einer der weisesten Menschen überhaupt – Weisheit als das Beste, was man wisse – ein Wissen um das beste Verhalten gegen sich und andere bzw. darum, was dem Wohlergehen der menschlichen Seele förderlich ist. Beide Formulierungen betonen, dass es sich bei Weisheit um ein Wissen handelt, das es mit dem Weg zu einer gelungenen Lebensführung zu tun hat.

Was hat Weisheit mir zu bieten?

Soweit so gut. Doch ist Weisheit nicht ein reichlich antiquiertes Konzept, wenn man nach Hinweisen für die eigene Lebensführung sucht? Ist das, was als gelungene Lebensführung gilt, nicht derart von eigenen (und anderer) Vorlieben, Zielen, Werten und Kontexten abhängig, dass die Weisheit von Personen wie Sokrates und Konfuzius den Menschen der heutigen Zeit wenig zu sagen hat?

Die Frage ist berechtigt und es scheint mir bemerkenswert, dass es nicht nur angebracht ist, sondern auch ganz in Sokrates‘ Sinne gewesen sein dürfte, ihr kritisch nachzugehen. In Teilen unterscheiden sich Personen natürlich stark darin, welche Verhaltensweisen in welchen Umständen zu ihrem Wohlergehen beitragen. Ein Teenager hat andere Ziele und Probleme als ein Frührentner, und eine gute Lösung kann je nach kulturellem Hintergrund sehr unterschiedlich aussehen. Andererseits scheint es trotz dieser interindividuellen Unterschiede auch Faktoren zu geben, die hochgradig unabhängig von individuellen Vorlieben und Kontexten sind:

In der Weisheitsliteratur zahlreicher Kulturen findet sich beispielsweise übereinstimmend die Behauptung, dass gewisse menschliche Tugenden (wie z.B. Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung oder Weisheit) in der einen oder anderen Form mit Wohlbefinden für Individuum und Gesellschaft in Verbindung stehen. Handelt es sich bei dieser Aussage um "Wissen" im Sinne von wahrer gerechtfertigter Meinung? Lange Jahre existierten zu dieser Frage lediglich theoretische Argumente und kursorische Einzelfallberichte (wie die äußerst lesenswerten "Erinnerungen an Sokrates" von Xenophon). Seit einigen Jahren mehren sich jedoch auch experimentelle empirische Studien zu diesem Thema, die belegen, dass das Umsetzen bestimmter (kulturübergreifend als tugendhaft geltender) Charakterstärken/Verhaltensdispositionen sich im Allgemeinen positiv und nachhaltig auf subjektives und psychisches Wohlbefinden auswirkt.

In einem wegweisenden und mittlerweile oft konzeptuell replizierten Experiment von Martin Seligman und KollegInnen gaben beispielsweise Probanden, die man aufgefordert hatte, zwei Wochen lang eine für sie besonders typische Charakterstärke auf neuartige Weise in ihrem Alltag umzusetzen, noch Monate später ein signifikant höheres Wohlbefinden an (verglichen mit Probanden einer Placebo-Kontrollgruppe, die man aufgefordert hatte, zwei Wochen lang Erinnerungen aus ihrer frühen Kindheit niederzuschreiben). Es scheint also in der Tat vielversprechend zu sein, für eine nachhaltige Verbesserung der eigenen Lebenszufriedenheit vermehrt auf tugendhaftes Verhalten zu setzen: Nahezu alle der zahlreichen bisher untersuchten Charakterstärken bzw. Tugenden korrelieren signifikant mit Wohlbefinden, wobei insbesondere die Charakterstärken Optimismus, Tatendrang, Dankbarkeit, Neugier & Liebesfähigkeit in den meisten Studien einen besonders ausgeprägten Zusammenhang mit Wohlbefinden zeigen.

Im Gegensatz zu vielen anderen (z.B. egoistischen) Verhaltensweisen erlaubt einem ein Verhalten gemäß derartiger Tugenden, zu Recht und uneingeschränkt stolz auf sich sein, sowie in Einklang mit grundlegenden menschlichen Werten zu leben und zu wachsen – was sich wiederum auf das subjektiv empfundene Wohlbefinden (und das des eigenen sozialen Umfelds) auszuwirken scheint. Das Wissen um derartige Zusammenhänge, um ihre Begründung, und um die Grenzen Ihrer Anwendbarkeit, dürfte einen zentralen Teil von Weisheit darstellen der mir heute genauso bedeutsam zu sein scheint wie zu Sokrates Zeiten.

Grenzen des Wissens

Wenn man Weisheit als eine Form von Wissen definiert, ist besonders erwähnenswert, dass auch das Wissen um die (eigenen oder prinzipiellen) Grenzen des menschlichen Wissens eine prominente Position in der Weisheitsliteratur vieler Kulturen einnimmt:

Was man nicht weiß auch nicht glauben zu wissen (so Sokrates) bzw. zu wissen was man alles nicht weiß (so Konfuzius), ist eine zentrale Voraussetzung für den Erwerb von Weisheit, weil es die Möglichkeit eröffnet, das eigene Wissen systematisch und andauernd zu erweitern, zu überprüfen und auf diese Weise bestmöglich zu vermeiden, sein Leben an falschen Meinungen zu wichtigen Lebensfragen auszurichten. Auch lehrt dieses Wissen eine gewisse Demut vor den Meinungen anderer, wie sie auch in religiöser Weisheitsliteratur hervorgehoben und empfohlen wird. Der Philosoph Sokrates ging in dieser Frage sogar so weit, zu behaupten, dass unter den Menschen derjenige bereits der weiseste sei, der – wie Sokrates – nicht glaube bereits allumfassende Weisheit erlangt zu haben.

Ob er damit richtig lag? Wer weiß...

Literatur

Weitere Informationen zum Thema Weisheit (und Quellen für die o.g. Behauptungen) finden Sie in folgendem Artikel:

Fischer, A. (2015). Wisdom – the answer to all the questions really worth asking. Journal of Humanities and Social Science, 5(9), 71-81.

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Karin Pape - Partner, Metrion Management Consulting